Rettung vor dem Schredder: Zweites Leben für Batterien
LB.systems GmbH
Rettung vor dem Schredder: Zweites Leben für Batterien
Mehr als die Hälfte der Batterien aus Elektro- und Hybridfahrzeugen, die in Deutschland recycelt werden, sind quasi neuwertig und könnten noch für über zehn Jahre als stationäre Energiespeicher unter anderem für Haus- oder Industrieanwendungen eingesetzt werden: Diese Erkenntnis war ausschlaggebend für Lasse Bartels und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die Transformation der Automobilindustrie hin zur E-Mobilität zu ihrem Geschäftsfeld zu machen und für die zunehmend steigenden Mengen an Traktionsbatterien eine nachhaltige Nachnutzung anzubieten.
Ausgestattet mit reichlich Erfahrung durch den Bau von Rennwagen mit Hochvolt-Antrieb für den internationalen Konstruktionswettbewerb „Formular Student“ gründeten sie im Jahr 2019 das Startup LB.systems. Ihre Mission: Mit Lithium-Ionen-Batterien so ressourcenschonend wie möglich umzugehen und diesen vor ihrem Ende im Schredder noch ein zweites Leben zu geben.

Inzwischen bildet das Unternehmen die gesamte 2nd-Life-Prozesskette ab – von der Abholung bis zur Neuinstallation der Speicher – und hat sich damit sein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet. Das Besondere dabei ist das eigene Testverfahren, das in Sekundenschnelle mittels zahlreicher selbstentwickelter Parameter über den Gesundheitszustand der ausgedienten Traktionsbatterien mit einer hohen Zuverlässigkeit Auskunft gibt. Die Effizienz und die Schnelligkeit dieses Verfahrens erlauben dem Unternehmen unter wirtschaftlichen Bedingungen große Stückzahlen in kürzester Zeit testen zu können.
Im Energienetz: Den Tag in die Nacht bringen
Das Ergebnis der Tests: Fast alle Batteriemodule in den getesteten Traktionsbatterien sind in der Regel noch nutzbar. LB.systems holt die Module aus ihren Gehäusen heraus, separiert Kabel und Sicherungen. Anschließend werden diese mit eigenen Platinen an die eigens entwickelte Steuerungssoftware angeschlossen und in Gehäusen für den Gebrauch als Groß- oder Heimspeicher inklusive Wechselrichter zusammengebaut. Nach einigen Sonderanfertigungen für die Industrie war die erste Heimspeicherlösung Anfang 2023 serienreif. Dabei sehen die Firmengründer und -gründerinnen gute Absatzchancen: Der Bedarf an Batteriespeichern ist ihrer Einschätzung nach im Energienetz zum Beispiel zur Speicherung von erneuerbaren Energien sehr groß. Mit dem Second-Use von „alten“ Traktionsbatterien könne der Anteil der erneuerbaren Energieform erhöht werden.
Die Anlagen von LB.systems könnten als Zwischenspeicher „den Tag in die Nacht bringen oder den windigen Tag in die Flaute“. Jeder und jede, der Lust hat, an der Energiewende teilzunehmen, soll dazu die Möglichkeit haben, so die Philosophie des Unternehmens. Ziel des Unternehmens ist es daher, auch die Speicher zu digitalisieren und z. B. große Energie-Container in einer Gemeinde aufzustellen und digital in den Stromtarif von vielen Haushalten einzubinden.
E-Mobilität, Batterie
Gründungsjahr: 2019
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: 6
LB.systems GmbH
Arndtstr. 5, 38118 Braunschweig
info@LB.systems
www.LB.systems
Weiterer Standort in Niedersachsen:
John-F.-Kennedy-Str. 43-53, 38228 Salzgitter
„Im Studium lernt man: Batteriesysteme aus Elektrofahrzeugen werden zum Energiespeicher und gehen erst dann ins Recycling, aber in der Praxis sieht es ganz anders aus.“

Lasse Bartels, Geschäftsführer des Startups LB.systems
Drei Fragen an: Lasse Bartels
Welche weiteren Herausforderungen für Ihr Unternehmen sehen Sie?
Bartels: Wir versuchen gerade, die Kosten für Zertifizierungen der Produkte gering zu halten. Normalerweise hat man ein Produkt, dessen Einzelteile immer gleich sind, bei uns ist es aber so, dass wir chargenweise ganz andere Grundbausteine haben, also jeweils andere Batteriemodule. Wenn wir das für jeden Typ einzeln zertifizieren, sind die Kosten einfach enorm hoch. Außerdem fehlt uns das Fachpersonal. Mit unserem Firmenkonzept kann man Arbeitsplätze schaffen, aber es gibt kaum Hochvolt-Experten und auch keine entsprechende Ausbildung mit Fokus auf Batteriespeicher. Wir möchten gerne Lehrbetrieb werden. Das werden wir jetzt angehen.
Was ist Ihre Erwartung an die Politik?
Bartels: Als ich gesehen habe, wie neuwertige Batterien und damit wertvolle Produkte zerstört werden, war das der Schlüsselmoment zu sagen: Da muss es einen Prozess und ein Unternehmen geben, das 2nd-Life in großem Stil in Deutschland umsetzt. Wenn eine Batterie nach nur wenigen Kilometern aussortiert wird, dann ist das nicht mehr effizient. Auch im Studium lernt man: Batteriesysteme aus Elektrofahrzeugen werden zum Energiespeicher und gehen erst dann ins Recycling, aber in der Praxis sieht es ganz anders aus. Ich denke, das Kreislaufwirtschaftsgesetz müsste klar sagen: Dinge, die noch gut sind, müssen weiter genutzt werden und nicht sollen oder können.
Welche Bedeutung hat der Standort Niedersachsen für Sie und Ihr Unternehmen?
Ich bin an der Nordseeküste aufgewachsen und dadurch wurden mir Windkraft und erneuerbare Energien sozusagen in die Wiege gelegt. Über meine Familie habe ich viel zum Thema Energie-Einspeisemanagement und -Speicher mitbekommen. Viel wichtiger war aber noch die „Formular Student“, über die wir sehr gut vernetzt sind. Wir haben rund 120 Unternehmen gehabt, die uns dabei unterstützt haben, für die Formular Student das umzusetzen, was wir uns ausgedacht haben. Diese Vernetzung hilft uns heute immer noch, besonders am Standort Salzgitter, wo uns Bosch mit Räumlichkeiten unterstützt. Wertvoll ist auch, dass unsere Partnerunternehmen erreichbar sind und wir nicht nur die verlängerte Werkbank in China haben, sodass man auch mal jemanden besuchen und mit jemandem sprechen kann, um dann die Ideen umzusetzen.
Strom tanken und Kaffee bestellen: Smart vernetzt in die Zukunft
Cross Market Places GmbH
Strom tanken und Kaffee bestellen: Smart vernetzt in die Zukunft
Die achtundzwanzigtausendste App wollten sie keinesfalls programmieren. Das kam für die Gründer und Geschäftsführer von Cross Market Places (CMP) aus Osnabrück nicht in Frage. Das Konzept von Carsten Müller und Kai Schwermann setzt vielmehr zwischen den vorhandenen, digitalen Anwendungen an und verbindet das, was die Kundschaft schon kennt – mit dem Effekt, E-Mobilität attraktiver zu machen und Innenstädte zu beleben.
Keiner fährt nur zum Parken in die Stadt, sondern möchte dort etwas erledigen oder erleben. Warum nicht die Ladesäule mit dem Bestellsystem des Coffeeshops am Ausgang des Parkhauses verbinden? Sodass der Kaffee gleich mitgenommen werden kann. Warum nicht gleich auch noch eine Karte fürs Kino oder den Zoo verkaufen? Sodass keine lange Wartezeit am Eingang entsteht.
Gesagt getan: Seine ersten Projekte setzte das Unternehmen in den USA und in Baden-Württemberg um. In San Francisco gibt es den Deal: Rabatt beim Parken und Kaffeebestellung in einem. Wer in Stuttgart über eine bestimmte Spur auf die Parkfläche fährt, bekommt automatisch eine Tageskarte für den öffentlichen Personennahverkehr. CMP sorgt für die Verknüpfung der Bezahlsysteme und die Verrechnung untereinander – ohne neue Plattform, die erst etabliert werden muss.

Für niedersächsische Kommunen auf dem Weg zur Smart City gibt es ebenfalls bereits entsprechende Gespräche: Auch hier ist die Idee dabei, Menschen mit dem E-Auto in die Stadt zu locken, indem sie zum Beispiel beim Laden ein paar Kilowatt geschenkt bekommen und auf dem Marktplatz Kaffee und Kuchen gleich für sie reserviert wird.
„Wir schauen individuell, wo ist der Mehrwert für die Nutzerinnen und Nutzer und verbinden bestehende Angebote. Wenn es eine App schon gibt, dann entwickeln wir nicht die 28.000 neue App, sondern nehmen diese und hängen unseren Service dran. Oder wenn es eine Parkkarte schon gibt, dann nehmen wir auch die und verbinden sie beispielsweise mit dem Kauf von Eintrittskarten“, erläutert Geschäftsführer Carsten Müller.
Auf diese Art und Weise lässt sich auch eine multimodale Mobilität sicherstellen und vereinfachen. E-Scooter, ÖPNV, Strom tanken, Parken o.ä. miteinander verknüpfen, in das System des Mobilitätsanbieters das integrieren, was das Parkhaus kann oder mit der Parkkarte auch E-Roller mieten – das ist das Serviceprinzip von Cross Market Places. Der Vorteil, den das Startup hat: Die Mutterfirma bill-X, aus der heraus es gegründet wurde, versorgt bereits viele verschiedene Kunden mit Software-Lösungen. Die Basiskomponenten sind vorhanden. CMP geht gezielt auf die Kunden ein, um deren jeweiligen Dienste zu kombinieren.
Eine große Zielgruppe für solche vernetzte Abrechnungen sind Stadtwerke und Energieversorger, die nicht nur Strom an Haushalte verkaufen, sondern auch öffentliche Ladesäulen und eventuell kommunale Einrichtungen wie den ÖPNV oder ein Schwimmbad betreiben. CMP vereint die in Anspruch genommenen Leistungen – verbrauchsabhängig – auf einer Rechnung. Künftig soll dabei auch noch die jeweilige Verfügbarkeit von grünem Strom integriert und „intelligentes“ Laden außerhalb der Peak-Zeiten belohnt werden können.
Smart Mobility, Smart City, E-Mobilität
Gründungsjahr: 2015
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Ca. 30 (CMP + bill-X gemeinsam)
Cross Market Places GmbH
Liebigstrasse 29
49074 Osnabrück
info@cross-market-places.de
https://www.cross-market-places.de/
„Wir schließen Lücken auf Endkundenprodukt-Ebene. Egal, welche Plattformen jemand hat, wir verbinden das. So entwickeln wir Digitalisierung für eine nachhaltige Mobilität und eine sinnvolle Energienutzung“.
Digitale Märkte verbinden und reale Märkte attraktiver machen
Bilder: CMP, AANds

Drei Fragen an: Carsten Müller
Was war Ihre „Schlüsselerkenntnis“, die dazu geführt hat, Ihr Startup zu gründen?
Müller: Die Welt von Morgen wird vernetzter. Wie sehen vernetzte Dienste von morgen aus, und wie werden sie fair und transparent verrechnet? Das war die Frage, die wir uns gestellt haben. Und dann wurde uns klar, dass man noch einen größeren Mehrwert in der transformierten Zukunft generieren kann, wenn man Dienstleistungen miteinander verbindet – also einen Cross Market Place einrichtet. Daher unser Name. Belohnung in Form von Rabatten oder Zusatzkäufen ist bei uns die eine Variante. Aber auch nachträglich, bei spontanen Käufen, sollen die Menschen einen Benefit bekommen können. Dabei muss man die Kundinnen und Kunden abholen und die Dinge nutzen, die sie schon gewohnt sind. Wir nehmen das, was schon da ist, und schließen die Lücke zu einem guten Erlebnis.
Welche Unternehmen sind Ihre Zielgruppe und wie trägt Ihr System zur Transformation der Mobilitätswirtschaft bei?
Müller: Wir sind nicht explizit auf eine Branche beschränkt und bieten sowohl KMU als auch den „großen Playern“ unsere Dienstleistungen an. Wir arbeiten also diskriminierungsfrei. Aber viele haben mit Energie und/oder E-Mobilität zu tun. Wenn ein Unternehmen beispielsweise Firmenladesäulen betreibt und die Ladevorgänge seiner Besucher abrechnen oder dem Nachbarn eine separate Rechnung schicken will, da kommen wir ins Spiel. Oder wenn der Zoo die Busfahrkarte gleich mitverkaufen möchte, dann kauft der Zoo über uns das Busticket. Jeder behält sein System, da kommt dann nur eine Schnittstelle rein. Andersherum, mit einem zentralen System, an das sich die anderen anpassen müssen, würde es nicht funktionieren. Ergänzend bieten wir auch eine Energievisualisierung an, die sehr breit anwendbar ist – um für das Thema zu sensibilisieren. Wer CO2-Ausstoß, Energieverbrauch oder ähnliches darstellen möchte, bekommt von uns ebenfalls eine Lösung, die das sehr einfach darstellt.
Welche sind denn momentan die größten Herausforderungen?
Müller: Eine große Herausforderung ist die schnelle Entwicklung des Marktes. Das ist wie damals, als es die ersten Internetprovider gab. Die Leute und Firmen wussten nicht, was wird sich durchsetzen und was braucht mein Unternehmen. Aus unserer Sicht ist es wichtig zu versuchen, eine allgemeine Richtung zu finden und nicht für jedes Projekt etwas Individuelles zu machen. Wir kommen mit einer Toolbox und im Gespräch mit den Kunden schärft sich das Profil. Die Kunst ist, als kleines Startup bescheiden und lösungsorientiert zu bleiben und sich auch immer wieder zu hinterfragen. Unser großer Wettbewerbsvorteil ist, dass wir bill-X haben. Ohne die Mutterfirma müsste ich erstmal investieren, um die Basissoftware zu entwickeln und noch die CMP-Produkte obendrauf. So können wir uns auf die Konfigurationen konzentrieren. Als Startup hat man jedoch natürlich nur sehr begrenzte Ressourcen und muss sich gut überlegen, wie man den Kapitalbedarf deckt. Sich bei Zuschüssen und Förderprogrammen zurechtzufinden, ist für kleine Unternehmen schwierig. Das müsste transparenter sein. Netzwerke, Hinweise und ein persönlicher Austausch sind dabei eine gute Unterstützung. Da ist noch Luft nach oben.



























