Über den Tellerrand schauen, miteinander kooperieren und voneinander lernen – das waren die Kernbotschaften des diesjährigen Jahresnetzwerktreffens unter dem Motto „Automotive in Motion“. Mehr als 150 Gäste verfolgten im Sheraton Hannover Pelikan Hotel interessiert Keynote, Workshops, Vorträge und Ausstellungen und diskutierten lebhaft mit. Ein Netzwerk mit Mehrwert für alle Beteiligten.
Warum ein Jahresnetzwerktreffen?
Die Welt ist im Wandel und mit ihr die Automobilwirtschaft: schrumpfende Absatzmärkte auf der einen, neue Industriezweige auf der anderen Seite, neue Perspektiven durch die wachsende Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie Kreislaufwirtschaft und biogene Rohstoffe als Herausforderung und Wettbewerbsvorteil zugleich.
Dank des starken niedersächsischen Netzwerks können diese Herausforderungen zu Chancen werden. Nötig sei ein Umdenken und der Mut, Bewährtes neu zu denken, das betonte Dr. Nari Kahle, Geschäftsführerin von heyconnect GmbH I FIEGE Logistik Stiftung & Co. KG in ihrer Keynote „Mobilität in Bewegung“. Sie warnte davor, sich an „Methoden von vorgestern zu klammern“ und nicht allein technisch auf die Dinge zu schauen. Stattdessen müsse man branchenübergreifend voneinander lernen, das Nutzungsverhalten der Menschen in den Fokus nehmen und berücksichtigen, was die Menschen brauchen und wollen – „wir müssen uns trauen anzufangen“.
Zu einem Side-Event mit 12 Akteur*innen eingeladen hatte der Transformations-Hub Wertschöpfungskette Batterie (TraWeBa). In dem Konsortium, an dem wir als Partner beteiligt sind, geht es darum, weitere Planspiele zu entwickeln. Beim Planspiel-Workshop „Battery legislation: mission possible“ gab es spannende Einblicke in die potenzielle Zusammenarbeit mit dem kanadischen Batterieökosystem sowie eine Vorstellung der nationalen und internationalen Batterie-Regulatorik.
Mit dem Highlight des Side-Events – dem niederschwelligen Battery Circularity Game des spanischen Unternehmens Bax Innovation Consulting S.L. – haben die Teilnehmenden für sich die Batterie-Wertschöpfungskette einmal anderes entdecken können. Im Anschluss hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, ihr Unternehmen in einer Ausstellung zu präsentieren. Zusätzlich konnten die Anwesenden des Jahresnetzwerktreffens die Batteriekompetenzen in Niedersachsen interaktiv kennenlernen und potenzielle Partner finden.
Das erste, sehr erfolgreiche, Planspiel von TraWeBa zum Thema Stoffstrommanagement zeigt z. B. welche Auswirkungen Entscheidungen im Zusammenhang mit Lieferketten beim Recycling von Batterien für E-Fahrzeuge haben.
Vorgestellt hat sich auch Transfer-X, das KMU in der Automobilindustrie und Mobilitätswirtschaft bei ihrem digitalen Transformationsprozess unterstützt. Die Lern- und Wissensplattform bietet kostenfreie, webbasierte Lernkursen rund um das Thema Datenräume und Industrie 4.0 Technologien. Transfer-X stellt den Unternehmen Wissen und Ressourcen bereit, damit sie sich an die sich ständig verändernde digitale Landschaft anpassen und ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten können.
Als Konsortialpartner von Transfer-X hat die Niedersachsen.next Automotive Agentur dabei erlebbaren Wissenstransfer präsentiert. In einer für handelsübliche VR-Brillen entwickelten Anwendung „AR Experience: Mission Dataspace“ konnte man hautnah in die digitale Welt der Datenräume eintauchen und lernen, was es für Anwendungsbeispiele und Vorteile gibt. Für KMU relevantes Wissen kann so verständlich und unterhaltsam vermittelt sowie spielerisch erlebbar gemacht werden.
Impulsvortrag, Kamingespräch und Workshops
„Zukunft entsteht durch gemeinsames Denken und Handeln – effizient, nachhaltig und kundenzentriert“: In ihrem Impulsvortrag betonte Dr. Olga Nevska, Managing Director bei Telekom MobilitySolutions, die Bedeutung der branchenübergreifenden Kooperation für die Wettbewerbsfähigkeit. „Wer vernetzt denkt und datengetriebene Innovation nutzt, um Bedürfnisse in Echtzeit zu erkennen, gestaltet den Wandel aktiv mit.“
Der Wandel in der Automobilindustrie stand auch beim Kamingespräch mit dem niedersächsischen Minister für Wirtschaft, Verkehr und Bauen, Grant Hendrik Tonne, im Fokus. Er unterstrich die Wichtigkeit strategischer Partnerschaften, vor allem in Zeiten von Digitalisierung, Dekarbonisierung und globalen Umbrüchen. Seine Botschaft: „Transformation gelingt nur gemeinsam – durch Dialog, Mut zur Innovation und einer nachhaltigen, kundenzentrierten Ausrichtung“.
Erstmals auf der Agenda des Jahresnetzwerktreffens stand die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Dr. Joachim Algermissen, Abteilungsleiter Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bei den Unternehmerverbänden Niedersachsen, stellte das Rüstungscluster Niedersachsen vor, bei dem sich Niedersachsen.next als strategischer Partner engagiert. Ziele sind der bestmögliche Wissenstransfer und die Förderung von Vernetzungsaktivitäten – in einer Branche, in der es bislang nicht viele Netzwerke gab.
Mathias Rusch, CEO Slide Bearings bei der RENK Group, sprach in seinem Vortrag „Mensch, Material, Maschine“ über die besonderen Anforderungen an Unternehmen, die in der Rüstungsindustrie als Zulieferer aktiv werden wollen und Thorsten Möllemann Head of Global Group Communications & Brand, bei der Salzgitter AG, berichtete in „Verantwortung übernehmen – Stahl der Schützt“ vom Weg der Salzgitter AG zurück in die Rüstungsindustrie und welche Potenziale und Herausforderungen dieser mit sich bringt.
Alle drei Referenten betonten die Wichtigkeit der Vernetzung in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Es sei besonders erfreulich, dass sich trotz des vollen Programms auf der Veranstaltung bereits neue Kontakte ergeben hätten, sowohl innerhalb der Industrie als auch mit der Automobilindustrie. Erste weitere bi- und multilaterale Treffen zwischen den Teilnehmenden seien verabredet worden.
Die Workshops zum Thema „Strukturwandel der Automobilwirtschaft“ lassen sich am besten so zusammenfassen: „Wir haben noch nicht verloren.“ Die Automobil- und Zulieferindustrie allgemein sei in „Bewegung“ und verändere sich immer mehr in Richtung neuer Geschäftsfelder und -modelle. Alena Jakubowski vom Transformationsnetzwerk neu/wagen nannte als Gründe für diesen Optimismus, dass die Wirklichkeit häufig anders wahrgenommen werde, als die Faktenlage tatsächlich sei. „Durch unseren Willen, unserer Vorstellungskraft und die Vernetzung verschiedenster Faktoren können wir neue Denkmuster und Zukunftsbilder kreieren.“ Auch Lea Bergmann vom Verband der Automobilindustrie (VDA) unterstrich die optimistische Haltung. Durch Flexibilisierung von Regulierungen oder bessere Finanzierungsbedingungen könne auch in Deutschland noch viel Innovationspotenzial „auf die Straße“ gebracht werden.
Prof. Simone Kauffeld von der Technischen Universität Brauschweig verwies auf die Bedeutung der Menschen, die den Prozess aktiv mitgestalten. Der Strukturwandel gelinge nicht allein durch Technologie. Bei der Gestaltung des Strukturwandels sei die Region Süd-Ost-Niedersachsen mit dem Transformationsnetzwerk „ReTraSON“ gut aufgestellt. Durch zahlreiche Aktivitäten der regionalen Partner würden Innovationspotenziale und Zukunftsfelder analysiert sowie notwendige Fachkompetenzen und Qualifikationen abgeleitet. Angebote wie das digitale Onboardingtool (https://kauffeld-lorenzo.de/produkte/onboarding-tool/), der Veränderungsmacher*in oder die Qualifizierung mit Fokus auf Robotik unterstützten den Strukturwandel zusätzlich. Entscheidend sei, dass der Veränderungsprozess sowohl top-down als auch bottom-up stattfinden müsse.
Circular Economy und biobasierte Rohstoffe als Wettbewerbsvorteil
Um neue Impulse und schnellere Lösungen für die Praxis ging es im Modul „Kreislaufwirtschaft“. Die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen und die Verwundbarkeit von Lieferketten erfordere ein strategisches Umdenken und Kreislauf-Geschäftsmodelle, machte Nadja Gläser, Deloitte Sustainability und Climate, im Workshop „Circular Economy als Wettbewerbsvorteil – Europas Weg zur resilienten Automobilindustrie“, deutlich. Die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen sei hoch: Rund 79 Prozent der Industriebranchen benötigten Lithium beziehungsweise Lithium-Ionen-Akkumulatoren, Silizium/Halbleiter und Kobalt. Zugleich konzentrierten sich die EU-Importe dieser Materialien auf wenige Länder wie Russland, China und Malaysia. Anhand etablierter Best Practices hob Gläser das enorme Potenzial von Wiederverwendung und Recycling hervor. Entlang der gesamten Kette, von Sammlung über Aufbereitung bis zur Vermarktung, entstünden robuste und wirtschaftlich tragfähige, regional verankerte Wertschöpfungsstrukturen. So sicherten z. B. Circularity Hubs den Zugang zu Altfahrzeugen, ermöglichten Demontage, Materialtracking und Sortierung und stellten Sekundärrohstoffe regional bereit.
Für einen erfolgreichen Aufbau brauche es kooperative Ökosysteme zwischen Herstellern, Zulieferern, Recyclingwirtschaft, Logistik, Forschung und Kommunen – gestützt durch verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen und passende EU-Förderinstrumente. Die Standortvoraussetzungen seien dafür in Niedersachsen hervorragend, so Gläser: strategisch wichtige Hafenstandorte wie Wilhelmshaven und Emden, ein dichtes multimodales Verkehrsnetz sowie leistungsfähige Güterverkehrsachsen der Bahn. Doch um das Land als zentralen Hub für Demontage und Aufbereitung von Rezyklaten zu etablieren und qualifizierte Arbeitsplätze vor Ort zu sichern, seien gezielte Qualifizierung von Beschäftigten, der Umbau bestehender Anlagen sowie die Evaluation und gegebenenfalls Neuaufstellung relevanter Wertschöpfungsketten erforderlich.
Wie biobasierte Werkstoffe zur Transformation beitragen können, zeigte Judith Wingerath von arweco. Das Unternehmen produziert Biopolymere auf Basis von Haferspelzen und Holzmehl, die den CO₂-Fußabdruck reduzieren und Mikroplastik vermeiden. Der Einsatz solcher Biocompounds rücke in der Automobilindustrie zunehmend in den Fokus.
Die abschließende Diskussionsrunde mit Dr. Pamela Wehling von der Hochschule Osnabrück, Norbert Gebbe, Niedersachsen.next, Thomas Taddigs, Senior Expert for Sustainable Materials bei Volkswagen und Landwirt Michel Finke nahm Bezug auf die Arbeit der Gruppe CISC (Cross-Industrial Supply Chain) und forderte den Aufbau innovativer, regional geschlossener Wertschöpfungskreisläufe. Erforderlich seien Zusammenarbeit und Ressourceneffizienz über Branchengrenzen hinweg sowie die enge Verzahnung von Agrarproduktion, industrieller Fertigung und Recycling zur optimalen Nutzung biogener Rohstoffe und Rezyklate. Umso erfreulicher, dass aus der CISC-Workshopreihe bereits konkrete Vorhaben hervorgingen, z. B. eine Projektskizze zu biogenen Materialien im Fahrzeugbau sowie die Ausarbeitung von Anforderungsprofilen für unterschiedliche Bauteile im Interieur und Exterieur. Einig war sich die Runde darin, dass Niedersachsen über die richtigen Voraussetzungen und die richtigen Partner verfüge, um die Kreislaufwirtschaft in der Automobilindustrie maßgeblich voranzubringen. Mit klaren Projekten, verlässlichen Rahmenbedingungen und starken Kooperationen könne das Land seine Rolle als Innovations- und Wettbewerbsstandort weiter ausbauen.






























































































