Die Idee, sich beim Autofahren einfach zurückzulehnen und was anderes zu machen, ist inzwischen schon mehr Wirklichkeit als Traum. Das Autonome Fahren, Level 4, kann durchstarten und wird jetzt hochgefahren. Bei der #Digital120-Veranstaltung der Automotive Agentur Niedersachsen über Vorgaben, Voraussetzungen und Potenziale für das vollautomatisierte Fahrer haben Experten aus Bund und aus Niedersachsen den politischen und technologischen Stand der Dinge beleuchtet.

Es waren 120 spannende Minuten. In Niedersachsen haben wir alles, was nötig ist, um in diese bequemere und sicherere automobile Zukunft zu starten. Dabei ist deutlich geworden, dass Level 4 für die Umsetzung von autonomem Fahren erst einmal vollkommen ausreichend ist“, so das Resümee der Leiterin der Automotive Agentur Niedersachsen, Dr. Anna Meincke, die die Online-Veranstaltung moderierte.

Bedeutsam für die niedersächsische Wirtschaft

Deutschland habe als einziges Land weltweit die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Autonome Fahren Level 4 sich auf der Vorstufe zum Regelbetrieb befinde, sagte Staatssekretär Dr. Berend Lindner vom Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung in seinem Grußwort und hob die Bedeutung Niedersachsen dabei hervor: „Wir haben ein weltweit einzigartiges und Europas größte Testfeld für automatisierte Mobilität und viele wissenschaftliche Einrichtungen in dem Bereich. Nun geht es darum die Erkenntnisse, buchstäblich auf die Straße zu bringen.“ Dies beinhalte viele neue Möglichkeiten und bedeute Investitionssicherheit für die niedersächsische Industrie.

Vernetzung und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Der Vorsitzende der Geschäftsführung des Innovationszentrums Niedersachsen, Dr. Thomas Schulmeyer, begrüßte live aus dem #Digitial120-Studio die Teilnehmenden und erläuterte, wie die interdisziplinäre Zusammenarbeit im IZ funktioniert. Zentrale Aufgabe sei das Zusammenbringen von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Impulse bekomme das IZ aus der Schnittstelle zwischen diesen Akteurinnen und Akteuren. „Mit unserem interdisziplinären Branchen- und Expertenteam können wir Themen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, bewerten und einordnen.“ Dadurch entstehen konkrete Konzepte und Innovationspfade. „Wir zeigen Best-Practice-Beispiele auf, wir regen Vernetzung an.“ Durch starke Kooperationen und vielfältige Fachexpertisen gebe das IZ bei der Innovationsförderung und beim Technologietransfer wiederum Impulse in den Wirkungskreis Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zurück.

Moderation und Referenten der #Digital120-Veranstaltung beim Technikcheck.

Wie bedeutsam Netzwerkarbeit im Zusammenhang mit dem Autonomen Fahren ist, erläuterte im weiteren Verlauf der Veranstaltung der Vorstandsvorsitzende des ITS Mobility e.V., Thomas Krause. ITS Mobility versteht sich als Netzwerk für intelligente Mobilität und deckt thematisch noch weitere Bereiche wie z.B. nachhaltige Mobilitätskonzepte und intelligente Infrastruktur oder Mobility as a service ab. Der Verein hat seinen Sitz am Forschungsflughafen in Braunschweig. Ihm gehören mehr als 200 Mitglieder aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden, Städten und Gemeinden an. Die Automotive Agentur Niedersachsen arbeitet im Rahmen des Clustermanagements eng mit ITS Mobility zusammen.

Fachvorträge: Was genau bedeutet Level 4?

Aus Berlin zugeschaltet war Stephan Liening, Referatsleiter im Bundesministerium für Digitales und Verkehr. Seine Abteilung ist dafür zuständig, die rechtlichen Rahmenbedingungen für vernetztes und autonomes Fahren zu erarbeiten. Insgesamt gibt es fünf Stufen. Aktuell ist Level 4, für den es seit diesem Jahr die entsprechende gesetzliche Grundlage gibt.

„Wir sprechen auch hier schon vom autonomen Fahren, es gibt aber zwei Abstufungen. Level 4 fährt in einem definierten Bereich automatisch und eine externe technische Aufsicht kann im Bedarfsfall das Fahrzeug deaktivieren oder bestimmte Fahrmanöver freigeben. Level 5 fährt dann in allen Verkehrsbereichen voll automatisch“.  Der Zeithorizont bis dahin sei nur schwer abzuschätzen, die ersten Level 4-Fahrzeuge seien auf dem Markt und zu Testzwecken in Parkhäusern oder auf kurzen Strecken mit geringer Geschwindigkeit unterwegs. Jetzt geht es darum, dass die Fahrzeuge auch auf die Straße kommen.

Die technische Entwicklung

Vom Bremskraftverstärker über diverse Fahrerassistenzsysteme bis zur Automatisierung: Dr. Adrian Sonka, Geschäftsführer des Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF) in Braunschweig zeichnete den Weg zu Level 4 aus Sicht der Forschung nach. Die Entwicklung schreite immer schneller voran. Doch was motiviert die Forscher dabei?

Sonka nannte neben Sicherheit und Effizienz den Wunsch nach Komfort und der Möglichkeit, während der Fahrt etwas anderes zu tun. Untersuchungen hätten ergeben, dass 50 Prozent der Befragten gerne mit Mitfahrern sprechen wollen, digitale Medien nutzen, essen oder trinken bzw. sich informieren oder unterhalten lassen wollen. „Wobei 28 % der Frauen, aber nur 15 % der Männer die Zeit zum Küssen nutzen wollen“, fügte Sonka augenzwinkernd an.

Das Team der Automotive Agentur Niedersachsen beim Einrichten des Digital-Studios.

Technische Herausforderungen sieht der Geschäftsführer des NFF in der Umfelderkennung und der Umfeldsensorik. „Mit Kameras und Radarsystemen können wir die Augen und Ohren des Fahrzeugs gut erzeugen. Aber es reicht nicht, Geradeaus-Fahren und Spurwechsel zu können. Vielmehr geht es darum, was in der Zukunft passiert.“ Das heißt, die Autos müssen menschliches Fehlverhalten abschätzen können und schon warnen, bevor der Vordermann reagiert hat, wenn dessen Vordermann beispielsweise bremst.“ Maschinelles Lernen sei dabei die Schlüsseltechnologie.

Zusammenspiel von Auto und Straße

An das Thema Umfelderkennung schloss Lennart Asbach, Abteilungsleiter im DLR – Institut für Verkehrssystemtechnik, in seinem Vortrag an. „Wir sind schon lange davon überzeugt, dass eine Unterstützung aus der Umgebung notwendig ist. Also: Wie muss die Straße beschaffen sein? Welche Eigenschaften muss das Fahrzeug haben? Wie hängen beide zusammen?“

Sein Institut hat Verfahren entwickelt, um Teilsysteme des Verkehrsraums vergleichbar zu machen. Aus den Gegebenheiten der jeweiligen Systeme (Fahrbahnen, Seitenstreifen, Kreisverkehr, Tunnel, Beleuchtung etc.) lasse sich ableiten, was das autonome Auto können muss, um dort in der Dynamik des Verkehrs oder bei sich ändernden Wetterbedingungen zurechtzukommen. „Daraus wiederum können wir erkennen, was eine sinnvolle Erweiterung der Infrastruktur ist – im einfachsten Fall eine Fahrbahnmarkierung“, so Asbach.

Das Testfeld Niedersachsen nutzt das DLR dabei zum Validieren, Prüfen und Testen. Auf einem Stück der Autobahn A39 und auf der Forschungskreuzung in Braunschweig könnten mit hoher Genauigkeit in Echtzeit der Verkehrsfluss untersucht und erforderliche Manöver abgeleitet werden. Mit einem digitalen Abbild des Forschungsfelds ließen sich auch Wettersituationen simulieren, um zu sehen, wie sich das Fahrzeug bei Regen oder Schnee verhält oder was passiert, wenn das Sichtfeld eingeschränkt ist. Spannend ist dabei auch das Testfeld auf der Messe Hannover, hier können insbesondere städtische Situationen simuliert werden.

Auf diese Art und Weise können Asbach und sein Team auch Kommunen und Unternehmen unterstützen, die Autonomes Fahren auf bestimmten Strecken einführen möchten. „Wir erfassen dann den Betriebsbereich und können simulieren, ob ein Level 4-Fahrzeug zurechtkommt. So lassen sich auch Risiken einschätzen und mindern, wenn dieses oder jenes im Umfeld verändert wird“.

Achtung: Sendung läuft. Die Moderatorin Dr. Anna Meincke begrüßt die Teilnehmenden an den Bildschirmen.

Konkrete Beispiele von drei Unternehmen

Peter Fintl, Leiter Technology and Innovation, Portfolio bei Capgemini Engineering stellte sein Unternehmen als Entwicklungspartner der Industrie in Niedersachsen vor. Dessen Aufgabe sei es, die automatisierte Technik effizient und cloud-basiert abzusichern. „Die Datenmenge wächst dramatisch mit den jeweiligen Leveln des autonomen Fahrens. Wir entwickeln Lösungsansätze, um diese Daten in einer passgenauen Cloud beherrschbar zu machen.“ Dabei spiele neben der Speicherkapazität auch die Qualitäts- und Plausibilitätsprüfung der Daten eine Rolle sowie die Verarbeitung – am besten in Echtzeit.

Die Überprüfung und Verarbeitung von Daten ist auch das Geschäftsfeld des Unternehmens BTC Embedded System. Es stellt Testtools für die Software von Automotive Kunden her. „Wann ist genug getestet, wann ist ein Test erfolgreich, zuverlässig und vertrauenswürdig? Unsere Systeme suchen Schwächen im Algorithmus und tragen dazu bei, die Simulationen zu verbessern. Der Computer muss bewerten können, ob alles korrekt läuft, dazu müssen wir ihm Regeln, Gesetze und Anforderungen beibringen, die einzuhalten sind“, erklärte Geschäftsführer Dr. Udo Brockmeyer.

Hans-Heinrich Götting stellte die Götting KG vor, die bereits auf 40 Jahre Erfahrung mit autonomem Fahren im industriellen Bereich blickt. Die KG produziert Datenfunksysteme und Sensoren, um fahrerlose Transportfahrzeugen in der Spur zu halten. Sie entwickelt unterschiedliche Fahrzeugtypen, wie zum Beispiel Radlader, die selbstständig in geschlossenen Räumen ohne Zugang für Menschen unterwegs sind und riesige Mengen Material umschichten.

Positive Reaktionen

Zum Abschluss bedankte sich das Team der Automotive Agentur Niedersachsen bei den Referenten und den Zuhörer-/innen für deren Teilnahme: „Wir freuen uns schon auf die nächste #Digital120. Haben Sie aktuelle Themen, Projekte und Ideen, dann kommen Sie gerne auf uns zu!“

Die Reaktionen im Internet ließen nicht lange auf sich warten: Dort hieß es unter anderem „2 Stunden mit Wow-Effekt!! Das Coole: Autos wird beigebracht, ihre Umgebung in aller Alltagskomplexität zu verstehen und intelligent zu handeln“ und „Ein toller Technikimpuls: So können wir den Automobilstandort Niedersachsen auf die Technologiepfade der Zukunft vorbereiten.“

 

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Nächste Messe: IZB Wolfsburg 11.-13. Oktober 2022, Halle 5 / Stand 5224